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Richtig und wichtig: Tanzen
Benjamin Wild



Foto: Douglas Campbell / Text: Katja Hanke

Deutschlands imposantester Afro-Träger Benjamin Wild setzt aus
Frankfurter Kellern zum Höhenflug in den deutschen Househimmel an. Er
schüttelt den Swing aus lockiger Pracht. The Wild Sound auf allen
Plattformen von Kompakt bis Festplatten.
Die "Festplatten" (Regensburg/Berlin) veröffentlichen eine erste
umfassende Werkschau und feiern auf der dazugehörigen Release Tour
mit den bekannten Label-Protagonisten die Heiterkeit von Minimalhouse
bis Retropop. Mit dabei ist Benjamin Wild, der mit seiner "Born To
Be"-E.P. Festplatten definitiv als weiteres 'cooles' Label auf seiner
Veröffentlichungsliste verzeichnen kann. Er bestätigt erneut die
Vielseitigkeit seines House(begriffs), der in seinen Grundzügen vor
allem zweierlei ist: minimal und beschwingt. Momentan sieht Benjamin
selbst jedoch noch nicht sehr beschwingt aus. Nur wenige Gäste hat es
bis jetzt in den Club gezogen. Die Festplatten-Heads Hannes und Andi
Teichmann beschallen eine noch leere Tanzfläche. Benjamin Wild blickt
sich skeptisch um. Eigentlich wäre er bald dran. "Das wird schon, wir
warten noch ab." Mehr sagt er momentan nicht. Am Nachmittag hat er
viel geredet. Er spricht langsam und bedacht, braucht Zeit. Er kann
lange Geschichten erzählen, wie zum Beispiel die vom linken
Autonomen, der mit seinem Amiga beginnt, elektronische Klänge zu
erzeugen. Das ist fast zehn Jahre her.

Wie funktioniert das?

Damals wohnte er in einem Wohnprojekt in Frankfurt. Jemand hatte im
Keller seine Anlage mit zwei Technics und Plattensammlung
untergebracht. Einmal experimentierten ein Freund und er mit neuen
Sounds und beschlossen, den Computer mit der Anlage im Keller zu
verbinden. Aus einem Abend wurden zwei Wochen, der Freund ging zum
(Kurz-)Film und Benjamin blieb im Keller und bei elektronischer
Musik. Er und der Eigentümer der Anlage Pino Shamlou (Stir15,
Separe, Bittersweet) borgten sich weitere Synthesizer und nahmen
sich vor herauszufinden, wie diese Musik funktioniert. In den
folgenden zwei Jahren produzierten sie sechs Ambient-Alben für das
Frankfurter Label Fax. 1995 trennten sie sich vom Label, senkten
ihren Kiff-Konsum und verspürten das Bedürfnis, etwas Neues zu
machen: House. Sie zogen in einen neuen Keller und kauften sich
bessere Maschinen. In den nächsten zwei Jahren, die Benjamin eine
"Phase der Orientierung" nennt, entstanden einige "nicht hörenswerte
Platten": Trance, eine "seltsame House-Scheibe" und Remixe. Zu dieser
Zeit fing er an, am regen Frankfurter Nachtleben teilzunehmen und
selbständig Musik zu hören: Sensorama, Alter Ego und die darüber
vermittelten Detroit-Platten Einflüsse, die ihm immer noch
anzuhören sind. Er begann, allein an Stücken weiter zu arbeiten, um
zu sehen, wie weit er gehen, wie weit er minimieren kann, ohne dass
das Original verloren geht. Vor drei Jahren zog er nach Hamburg und
konzentrierte sich dort vorerst auf sein Studium. Mit dem Entschluss,
aus Frankfurt wegzugehen, kam der Erfolg: ein Compilationbeitrag fr
Perlon und darauf folgend die bahnbrechende Veröffentlichung bei
Kompakt. Hier beginnt eine neue Geschichte, die vom Labelsammler
Benjamin Wild. "Auf einmal bekam ich Respekt - weil ich eine
Kompakt-Platte gemacht hatte."

Der Labelsammler

Mittlerweile ist der Club gefüllt, die Gebrüder Teichmann haben die
meisten der Gäste auf die Tanzfläche gezogen. Benjamin wippt
aufgeregt hin und her. Eigentlich mache er sich keine Sorgen, meint
er, nur die Übergänge knnen manchmal ein Problem sein. Ein
verlegenes Lächeln. Dann läuft er los. Er beginnt mit dubbigen,
ruhigen Stücken, geht zu schwungvollerem House äber, bei dem auch
mal Disco durchschimmert und Xylophonmelodien fröhlich klimpern, und
schliet mit warmen, funkigen Klngen, die jeglicher Verzierungen
entledigt sind. Minimalismus in seiner vollen Vielseitigkeit. So
vielseitig wie die Musik an sich sind auch die Labels, auf denen er
bisher veröffentlicht hat: Force Tracks, Infarkt, Kompakt, Decode,
Perlon, Festplatten. Dazu Compilationbeiträge fr Raum...Musik,
Elektrolux, Dial und eine Zusammenarbeit mit dem Hamburger meta.83
fr die aktuelle Poker Flat Compilation. Die Namen stehen fr sich.
Doch eigentlich sei er nicht bestrebt, das "volle Spektrum
abzudecken". Einiges hätte sich einfach so ergeben, doch meistens sei
er gezielt vorgegangen. Natürlich entwickle man mit der Zeit auch
einen gewissen Ehrgeiz. Einen Sammlerinstinkt würden andere es
nennen. Dennoch: Benjamin möchte lediglich fr Label arbeiten, von
denen er denkt, dass "tatsächlich etwas dahinter steht". Eines dieser
Label ist Source, fr die momentan eine Produktion im Gespräch ist.
Wenn er von diesen Plänen redet, wird er enthusiastisch. "Die sind
ein bisschen frickelig-elektronisch. Sehr ausgewählt." Die Frage nach
einem 'Zuhause' lässt ihn kurzzeitig verstummen. Gute Frage, meint
er, doch nein, ein Label, das er sein Haus-Label nennen wrde, gibt
es nicht. Auch wenn er sich bei Festplatten momentan gut aufgehoben
fühlt. Benjamin Wild scheint in der Menge und Unterschiedlichkeit der
Labels sein Zuhause zu haben. Er möchte unterschiedliche Plattformen
nutzen, um "Benjamin Wild Platten" zu veröffentlichen: Platten, die
einen Zusammenhang ergeben und eine Künstleridentitt kreieren.
Benjamin Wild als Marke. "Dann ist es eben nicht mehr die aktuelle
Festplatten oder Force Tracks, sondern die aktuelle Benjamin Wild."
Diese "Benjamin Wilds" zeichnen sich neben ihrer Vielseitigkeit vor
allem durch eine gewisse Art von Zurückhaltung aus. "Das finde ich
gerade an Minimalismus interessant. Meine Platten sind ja
zurückhaltend, aber bringen trotzdem was rüber. Das ist die Kunst
daran."

Schön zu tanzen, schön zu hören

Nach seinem Set steht Benjamin neben der Tanzfläche, wippt mit dem
Kopf und nippt dabei an einem Glas Sekt. Er wirkt erleichtert. Ja, er
sei recht zufrieden, es war ein gutes Set. Dann beginnt der
eigentliche Abend: tanzen und Spaß haben. Tanzen ist ihm wichtig. Er
kann nicht verstehen, daß viele DJs nicht mehr zur Musik anderer
tanzen. Tanzen ist für ihn die persönliche Verarbeitung der Musik,
das Sich-Entfalten-zur-Musik. Darum stellt er generell den Anspruch
der Tanzbarkeit an seine Stücke. Das bedeutet wiederum nicht, daß
jedes Stück ein purer Club-Track sein muss. Die Zurückhaltung macht's
möglich. Und so bewegt er sich in einem weiten Feld von fett groovend
bis jazzig swingend - immer mit einem Ohr für das Spezielle, für
Details. Das beweist die kürzlich auf Force Tracks erschienene "Afuro
EP". Diese Platte kann man außerdem als einen Wendepunkt in seinem
Leben betrachten. An zwei Stücken hatte er kurz vor seinem dritten
und letzten Versuch gearbeitet, eine Uni-Klausur unter hohem Druck zu
meistern. Den Stücken ist davon nichts anzuhören: locker ziehen sich
Dubsounds über elegante Housegrooves, Perkussions wirbeln in den
Zwischenräumen und eine warme, tiefe Bassline weist gelassen den Weg
nach vorn. Die Platte ist ein Hit, die Klausur verpatzt und Benjamin
jetzt Vollzeit-Musiker. Das mit dem Studium ist ihm irgendwie
peinlich, er flüstert fast, als er davon spricht. Anders betrachtet,
ist er eben auf Umwegen an sein eigentliches Ziel gelangt. Musik ist
das Studium seines Lebens.